Blaue Reiter, orange Drachen

Klara hatte schon lange nicht mehr gemalt. 

 

Und dann plötzlich war es wieder da, das Gefühl für Farben. Unvermittelte Momente, in denen Gelb oder Grün ohne Vorankündigung in ihr aufstiegen, vor ihren Augen explodierten und große Freude mitbrachten. Sie fühlte wieder, wie es ist, vor einem großen Blatt zu stehen, den Pinsel langsam anzusetzen und eine Farbe aufzutragen, eine Spur zu hinterlassen. Nach Pfingsten wurde der Wunsch stärker, es wieder zu versuchen. Die Energie hatte sich verändert; an den Ort großer, innerer Geschäftigkeit war eine Leere getreten. Friedlich und etwas ungewohnt. 

 

An einem Donnerstagabend war Klara auf der Suche nach einem neuen Roman und entdeckte “Die Malerin” von Mary Basson. Weder Titel noch Autor sagten Klara etwas, aber das Cover des Buches sprach sie an. Durch den Klappentext erfuhr sie, dass es sich um die Lebensgeschichte von Gabriele Münter handelte. Klara kannte keine Malerin mit diesem Namen, hatte sich generell nie besonders für Malerei interessiert, und an Kunstmuseen, die sie als Schülerin besuchen musste, eher die Erinnerung von gähnender Langeweile. Auch in der Schule hatte Klara den Kunstunterricht nicht besonders gemocht. Etwas Bestimmtes malen zu müssen, hatte ihr Stress verursacht. Als sie dann mit Mitte dreißig im Rahmen eines Seminars zum intuitiven, freien Malen gelangte, entdeckte sie die Freude daran, Farbe aufs Papier zu bringen, ohne zu wissen, was dabei herauskommen würde. Das war auch eher unwichtig. Was zählte, war der Prozess, der Spaß am Tun. 

 

Klara las die Leseprobe des Buches mehrmals und legte den e-Reader dann immer wieder zur Seite. Es ging in der Geschichte auch um Wassily Kandinsky und den Blauen Reiter. Namen, die Klara schon mal gehört hatte, aber nicht genau definieren konnte. 

 

Zwei Tage später entdeckte Klara in ihrem Mail-Postfach den Newsletter einer Mal- und Schreiblehrerin, die sie sehr schätzte. Am ersten Juniwochenende bot sie einen Workshop in intuitivem Malen an! Das war es! Das war der Anfang! Sofort schrieb Klara die Lehrerin an, aber der Kurs war schon voll. Klara fühlte noch einmal in sich hinein. Etwas in ihr war sich sicher, dass es doch klappen würde. Sie wählte innerlich dabei zu sein und sah sich schon in dem kleinen Ort am See in Bayern, wo sie schon einmal vor drei Jahren zu einem Schreib-Workshop war. Dann ließ sie die Möglichkeit los und dachte nicht mehr daran. 

 

Am Montagabend lud sie endlich das e-Book auf ihren e-Reader und begann zu lesen. Die Geschichte begann 1902 in München, wo Gabriele Münter bei Vassily Kandinsky Malunterricht nahm. Während dem Sommer unternahm Kandinsky ausgiebige Studienaufenthalte mit seinen Schülern aufs Land, nach Kochel und Murnau, an den Staffelsee. Klara stutzte. Dort fand auch der Mal-Workshop statt, für den sie sich interessierte. Das Buch fesselte sie. Neben der Liebesgeschichte, die sich zwischen dem verheirateten Lehrer und der Schülerin entwickelte, ging es vor allem um die Atmosphäre der Jahre vor dem ersten Weltkrieg in Deutschland und wie Kandinsky als erster die bis zur Jahrhundertwende übliche, gegenständliche Malerei langsam abstrakter machte. 

 

Am nächsten Tag erhielt Klara eine eMail. Ein Platz war freigeworden im Malkurs in Uffing. Natürlich. Klara sagte sofort zu, überlegte kurz, wie sie nach Bayern reisen wollte und buchte dann einen Flug nach München für zwei Tage später. Sie wählte sich ein Hotel in München für eine Nacht und schaute sich die Unterkunftsangebote in Uffing an., einem recht kleinen Ort am See mit einem Gasthof, einigen Gästehäusern und Ferienwohnungen. Nichts sagte Klara so richtig zu. Kurzentschlossen schrieb sie eine eMail ans lokale Verkehrsamt und vergaß die Sache wieder. Es würde sich schon etwas ergeben, das passte. Am nächsten Morgen schlug das Verkehrsamt all die Häuser vor, die Klara schon gesehen hatte und gab ihr eine Telefonnummer für eine Privatunterkunft direkt am See, ohne Internetseite. So etwas mochte Klara nicht. Sie wollte sehen, worauf sie sich einließ. Nach kurzem Reinfühlen rief Klara trotzdem an und entschied sich während dem kurzem Gespräch mit dem Vermieter intuitiv dafür, die Unterkunft zu nehmen, ohne Fotos gesehen zu haben.

 

Bis zur Abreise las sie weiter in dem Roman, tauchte ein in die Welt der Künstler zu Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Leben in Europa noch sehr anders war als nach dem ersten Weltkrieg. Sie betrachtete Werke von Kandinsky und Münter aus verschiedenen Zeiten, kurz nach der Jahrhundertwende, um 1910 und kurz vor Kriegsausbruch und wie sich die Art des Malens während dieser Zeit entwickelt hatte. Besonders bei Kandinsky lösten sich mit der Zeit die alten Formen langsam in einen abstrakten Tanz auf. Dennoch schien Klara die Art seines Malens sehr geplant zu sein. Er wollte etwas ausdrücken, etwas Neues entwickeln, die Malerei revolutionieren. Gleichzeitig hoffte Gabriele Münter Zeit ihres Lebens, dass der mittlerweile geschiedene Kandinsky sie heiraten würde, was er nie tat. Beides fühlte sich ziemlich anstrengend an.  

 

Klara wollte noch einen Tag in München verbringen, denn sie war lange nicht dort gewesen und der Roman hatte ihr Lust auf die Stadt gemacht. Beim Einchecken im Hotel drückte der Hotelangestellte ihr eine Broschüre über die Museen Münchens in die Hand. Klara wollte schon dankend ablehnen, denn Museen waren nichts für sie. Dann hielt sie inne und nahm die Broschüre doch mit aufs Zimmer. Am nächsten Morgen hing der Himmel grau vor ihrem Fenster und es tröpfelte. Klara überlegte kurz, wie sie den Tag verbringen wollte und griff dann zur Broschüre. So viele Museen gab es! Sofort fiel ihr das Lenbachhaus ins Auge. Es hatte die größte Sammlung von Werken des Blauen Reiters durch eine Stiftung, die Gabriele Münter 1957 an dieses Museum gemacht hatte. Klara wusste inzwischen, dass der Blaue Reiter eine Künstlervereinigung war, die Kandinsky mit anderen Zeitgenossen gegründet hatte. Sie beschloss hinzugehen. Die nächsten Stunden verbrachte sie schlendernd, stehend, schweigend, betrachtend, fühlend im Museum. Klara schätzte die ruhige, kühle, fast meditative Atmosphäre dort sehr und tauchte ein in die Welt der Bilder, Farben und Formen. Klara versuchte, das Essentielle in den einzelnen Motiven zu sehen, das was in ihr etwas in Resonanz brachte; sie ließ sich fühlend auf die Bilder ein. Lange Zeit blätterte sie auch in dem Museums-Shop in Bildbänden, Büchern und Drucken der ausgestellten Künstler. Klara nahm sich viel Zeit und erinnerte sich an den Ratschlag der bekannten Schreibratgeber-Autorin Julia Cameron,  regelmäßig Künstlerverabredungen zu treffen. Dies waren Verabredungen mit dem eigenen Künstler in sich selbst, um sich inspirieren und in anderen Welten tragen zu lassen, die eigene Quelle mit Bildern aufzufüllen. Klara lächelte. Ihr wurde bewusst, dass sie gerade auf einer Künstlerreise mit sich selbst war. Es ging um die Schönheit der Erfahrung, den Prozess an sich, das Leben. 

 

Am Freitagnachmittag fuhr Klara mit dem Zug aufs Land, so wie es die Mitglieder des Blauen Reiter so oft getan hatten. Gabriele Münter hatte 1909 ein Haus in Murnau am Staffelsee gekauft, das in den Jahren vorm Weltkrieg zum Künstlertreff des Blauen Reiters wurde. Vorbei am Starnberger See wurde die Energie leichter, die Stadt entfernte sich, das Licht bekam diese wundervolle Färbung, ein helles Blau voller Lebendigkeit über satten grünen Wiesen. Klara saß zusammengepfercht zwischen Pendlern, die in den Feierabend fuhren und Wanderern auf dem Weg in die Berge. Wie musste es wohl damals, Anfang des letzten Jahrhunderts, gewesen sein, mit dem Zug aufs Land zu fahren? 

 

In Uffing tritt Klara auf einen kleinen, gepflegten Bahnhof mit Kieswegen hinaus, der nach Ferien riecht, und sie macht sich mit ihrem Rollkoffer auf dem Weg ins Dorf. Links von ihr ein Supermarkt, dann eine Grundschule, ein Heimatmuseum, ein Tante-Emma-Laden, eine Apotheke, das Rathaus, ein Bauernhof mitten im Ortskern. Hinter den schönen, alten Häusern mit schweren Holzbalkonen und -fensterläden lugt der Zwiebelturm der Dorfkirche hervor. Klara kommt an einer Gaststätte vorbei, dann geht es den Berg hinunter zum See. Tatsächlich, ihre Ferienwohnung liegt direkt neben dem Seerestaurant Alpenblick, in dessen Biergarten sie beim letzten Workshop viel gesessen hat, um zu schreiben. Ein Strandbad ist auch gleich nebenan, der See hat schon 20 Grad. Klara bezieht ihre helle, schöne Dachgeschosswohnung, richtet sich ein mit ihren wenigen Dingen, als würde sie hier für länger wohnen. In der kleinen Bibliothek finden sich Bildbände über den Blauen Reiter, auf der Toilette hängt ein Poster der “Kahnfahrt” von Gabriele Münter aus dem Jahr 1910. Natürlich. Das alte Eichenparkett knarzt unter Klaras Füssen und vom Balkon aus blickt sie in einen eingewachsenen Garten von dem aus man direkt in den See steigen kann. Es fühlt sich gut an, hier zu sein. 

 

Im Mal-Workshop geht es gleich am ersten Abend nach einer kurzen Einführung los. Klara ist aufgeregt, die Energie flirrend, sich reibend, bis Klara endlich vor der Staffelei steht, mit geschlossenen Augen, und das Papier ertastet, das sie aufgehängt hat. Sie lässt alles was gerade in ihr spürbar ist, hineinfließen und beginnt einfach. Gelb. Mit den Fingern. Dann lila mit dem dicken Pinsel. Gedankenblitze schießen durch den Kopf, Geschehnisse der vergangenen Wochen, Münter und Kandinsky. Ihr Gehirn zieht Parallelen, da die Finger gerade malen. Alte Erinnerungen an das Malen in der Grundschule. Das Wasserholen und Pinselauswaschen im Klassenzimmer, die Malschürzen, die in der Ecke hängen. Dinge und Emotionen verwirbeln auf dem Blatt zu einer Farben- und Formenkomposition, die Klaras Verstand furchtbar hässlich findet. “Beim Malen begegnet man sich selbst”, hatte Corina, die Mallehrerin, gesagt, und es geht darum, liebevoll mit sich selbst umzugehen; Freude am Ausdruck und der Selbsterfahrung zu haben. Klara verlässt ihr Blatt mit dem klaren Entschluss, morgen ein neues Bild zu beginnen. Sie zieht sich zurück, verbringt den Abend in ihrer Wohnung. 

 

Am Samstagmorgen betritt Klara das Atelier und erblickt ihr Bild von gestern. Es wirkt schrecklich unbeholfen und dilettantisch auf sie. Klara erinnert sich an ein Blatt, das Corina ausgeteilt hat. Darauf steht: 

 

“Das Bild ist ein gewöhnliches Blatt Papier. Was wirklich zählt, ist mein Leben, meine Gefühle und wie ich auf sie eingehe, inwieweit ich mir selbst treu bleibe und mir erlaube zu meinem eigenen individuellen Ausdruck zu gelangen.”

 

Klara neigt den Kopf nach links und schaut ihr Bild aus der Distanz an. Plötzlich ergibt da etwas Sinn. Sie geht darauf zu, löst das Klebeband vom Papier, dreht es von horizontal auf vertikal und klebt es wieder fest. Dann schließt sie die Augen, berührt das Papier mit ihren Fingern und lässt eine Farbe zu sich kommen. Orange. Ganz viel Orange. Klara beginnt zu malen. Erst vorsichtig in den Ecken, dann größer, in weiten Strichen. Sie taucht ein, ohne zu wissen, was es werden wird, schätzt das, was gerade da ist. Es tut gut. Und wenn es nicht geht, kann sie immer noch aufhören. 

 

Das Orange bringt viele Emotionen mit sich. “Lass die Geschichte, die an der Emotion hängt, einfach mal weg und male mit der spannenden Energie, die darin enthalten ist,” hatte Corina gesagt. Klara malt, lässt die Energie der Emotion sich bewegen, lösen, in Ausdruck gehen. Sie weiß, dass sie die Geschichte loslassen kann. 

 

Als Klara aufblickt und zurücktritt, erschrickt sie ein wenig. Es ist ein Drache. Ein orangefarbener Drache, der sich auf der linken Bildseite ausbreitet und mit blau-gelben Flammen züngelt. Diese schließen bildmittig ab, wollen sich ausbreiten, aber kommen nicht weiter nach rechts, als wäre dort eine Mauer, eine Barriere, die der Drache nicht durchdringen kann. Und auf der rechten Seite mitten im weißen Feld ein merkwürdiges Etwas aus Lila und Gelb.

 

In der langen Mittagspause im Biergarten am See wird klar, dass Grün her muss. Als Klara am Samstagabend wieder vor der Staffelei steht, beginnt sie die weiße Fläche auf der rechten Bildseite mit sattem Grün kreisend einzufärben. Immer wieder Kreise und Kreise und noch mehr Kreise. Das merkwürdige Etwas lässt sie erstmal aus, kreist darum herum, damit kann sie gerade nichts anfangen. Das Kreisen ist wie ein tiefes Sinken in eine Leere, die nichts erwartet, nichts will, nichts erreicht, einfach nur kreist. Am Abend beendet Klara den Roman. Gabriele Münter ist unverheiratet geblieben und hat einen großen Schatz an Werken des Blauen Reiters vor den Nazis gerettet. Kandinsky ist während dem zweiten Weltkrieg in Russland gestorben, verheiratet mit seiner zweiten Frau Nina.

 

Am Sonntagmorgen also das Finale. Klara dreht zum Aufwärmen eine Runde spazierend durchs Dorf, das wunderschön idyllisch ist, und majestätisch und entspannt zwischen satten Wiesen in der sonntäglichen Morgensonne liegt, bevor die Münchener Tagesausflügler kommen. Vor dem Malen ziehen alle Schüler eine Karte. Auf Klaras Karte steht “Ich gebe meinem Leben die Chance, sich selbst zu ordnen.” Während sie anschließend im Atelier die rechte Seite ihres Blattes weiter mit Grün füllt, füllen ihre Augen sich mit Tränen, die sich lösend einen Weg die Wangen hinunter suchen. Es ist ein grüner Raum, ein sicherer Raum für das merkwürdige Etwas, in den der orangefarbene Drache nicht eindringen kann. Das Ding ist ihr immer noch suspekt. Corina schlägt Klara vor, innezuhalten, die Augen zu schließen und zu fühlen was das Etwas sein will, anstatt weiterhin zu überlegen, wie sie das Gebilde so verändern könnte, dass es auf dem Bild akzeptabel ist. Klara versteht jetzt, dass es darum geht, aufzuhören, das Bild “schön” machen zu wollen, und es sich selbst ordnen zu lassen.  

 

Während der Verstand sich sträubt, greift Klaras Inneres nach einem leuchtenden Rot, macht einen großen, runden Punkt zwischen lilafarbene, horizontale Striche. Ein Auge! Ganz klar. Sie fühlt weiter. Das Lila ausbauen. Die Pinselstriche werden fedrig. Es ist ein Vogel! Jetzt sieht Klara ihn endlich vor sich, einen flügelschlagenden, lila-gelben Vogel in einem grünen Raum, geschützt vor dem orangefarbenen Drachen durch die blau-gelbe Wand. 

 

Irgendetwas fehlt noch. Klara setzt sich vor das Bild. Wenn sie noch eine Farbe setzen würde, nur eine, an nur einer Stelle, wo wäre das? Klara atmet und fühlt. Dann nimmt sie wieder von dem leuchtenden Rot und malt dem Vogel ein pulsierendes Herz in sein lilafarbenes Gefieder. Dann ist das Bild fertig. Das weiß Klara jetzt. Sie betrachtet ihr Bild und sieht, dass der orangefarbene Drache von Lila durchzogen ist, so wie der Vogel. Sie sind sich also gar nicht unähnlich, bestehen aus der gleichen Substanz, und die angstvolle Beziehung zwischen Drache und Vogel ist vielleicht nur Illusion. Braucht der Vogel den sicheren Raum überhaupt? Klara betrachtet gespannt, wie ihr intuitives Bild sich öffnet und ihr eine Geschichte erzählt. 

 

Den Nachmittag verbringt Klara auf der Seeterrasse, bevor sie den Zug zurück nach München nimmt. Er ist wieder packend voll, diesmal mit rotwangigen Wanderern und Radfahrern. Klara sitzt neben einem alten, sehr gesprächigen Münchener, der seit zwanzig Jahren in Tutzing am Starnberger See wohnt und ihr die bayerische Welt erklärt. Als Klara ihm erzählt, wie sie die letzten Tage verbracht hat, kratzt sich der Bayer am Kopf: 

 

 

“Zum Malen an den Staffelsee? Des hat ja scho die Gabriele Münter gmacht, kennen Sie die?”

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Annette (Dienstag, 07 August 2018 07:10)

    Die Ausstellung im Centre Pompidou in Metz - genau das hier Beschriebene !