Etwas Sanftes, Warmes

Die Katze fühlt sich weich an; weich, sanft und warm. Ella streichelt behutsam ihr tiefschwarzes Fell, spürt die Formen des schmalen Katzenkörpers unter ihren Händen, den Kopf, der sich reckt. Wo kommt sie wohl her? 

 

Ella schaut sich um. Die Straße ist verwaist, liegt in dichtem Nebel. Wieder mal ein grauer Tag, an dem man erwartet, dass es irgendwann hell wird, aber dann wird es schon wieder dunkel. Die Katze schaut sie mit großen, dunklen Augen an. Ella erhebt sich aus ihrer kauernden Haltung und zieht die Jacke enger. Die Katze blickt neugierig an ihr hoch. 

 

„Und nun? Was machen wir jetzt?“

Ella hätte nichts gegen Gesellschaft, vor allen Dingen nichts gegen solche, die nicht spricht oder beurteilt, was Ella gerade tut.

Ob sie wohl jemandem gehört? 

 

„Bist du weggelaufen oder ausgesetzt worden?“

Ella tippt auf obdachlos, aber eher um ihr Gewissen zu beruhigen, eine fremde Katze einfach so mitzunehmen. 

„Pass auf, Du. Ich gehe jetzt weiter in diese Richtung. Wenn Du mitkommen willst, folge mir einfach. Wenn nicht, bleibe hier sitzen oder lauf weg. Deine Wahl. Ok?“

Ella schaut die Katze an. Die Katze schaut zurück. 

 

Dann dreht Ella sich um und geht los, mit kleinen, schnellen Schritten, auf Absätzen, die klackern. Bis zu ihrer Wohnung ist es nicht mehr weit und der kühle Nebel zieht ihr ungemütlich durch die Kleidung. Sie zwingt sich, nicht nach hinten zu schauen, versucht locker zu gehen, so als wäre nichts Besonderes, als hätte sie keine Erwartung. Am besten an etwas anderes denken. 

 

Absurderweise fallen ihr Schokostreusel ein. Die hat sie noch nie gemocht. Als Kind hatte sie ihren Freunden einmal beweisen wollen, dass sie eine ganze Dose auf einmal essen konnte, ohne zwischendurch zu trinken. Sie kaute und kaute und ihr Hals wurde immer trockener. Plötzlich ist dieses überwältigende Gefühl im Hals wieder da, das Gefühl zu ersticken, und sie schluckt und schluckt, und es wird immer schlimmer, alle lachen und Ella ist in Panik. Nicht an diese Sache denken! Dieses Trauma verfolgt sie seit ihrer Kindheit. Angst, Lähmung, Ersticken und niemand tut was. Dann doch lieber schwarze Katze. Nein, ich drehe mich nicht um. 

 

Ella läuft weiter durch den dämmerigen Nebel, schielt in die beleuchteten Häuser, wo Menschen beim Abendessen sitzen. Die Kälte ist mittlerweile auf ihrer Haut angekommen. Warum habe ich mir gerade London ausgesucht? Was will ich hier? Die Zeiten der rationalen Entscheidungen sind für Ella schon lange vorbei. Und so wohnt sie jetzt eben in London. 

 

Aus einem der Häuser dringt leise die Neunte Symphonie von Beethoven. Trotz der gedämpften Musik kann Ella die Entschlossenheit hören, den Trotz, das ‚und ich komponiere doch!‘. Ella kennt diese trotzige Entschlossenheit gut. Jetzt erst recht! Ich werde es allen zeigen! Ich kann alleine leben, alles aufgeben und weggehen. Ihr könnt mich alle mal! Ich werdet schon sehen! 

 

Ellas Füße schmerzen. Die Schuhe sind eindeutig zu hoch für ihre langen Streifzüge durch die Stadt, beziehungsweise ihre kleine, billige Wohnung zu weit weg vom Zentrum. Endlich erreicht Ella das Haus, in dem sie Parterre wohnt. Mit zitternden Fingern zieht sie den Schlüssel aus der Tasche und öffnet die Tür. Dann hält sie inne, nimmt einen Atemzug zwischen Hoffnung und Zweifel und dreht sich um. 

 

Natürlich ist die Katze ihr nicht gefolgt. Was hätte sie wohl auch daran finden können, mit Ella zu leben? 

Es ist auch besser so. Ich will ja unabhängig sein. 

 

 

Ella betritt die kleine Küche und schürt noch im Mantel den Ofen. Wenn die Wohnung aufgeheizt ist, wird sie Musik hören, klassische. Etwas Weiches, Sanftes, Warmes. 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Angelika Depta (Montag, 14 Januar 2019 14:08)

    Eine schöne traurige Geschichte. Ich glaube sie schafft es, denn es schwingt auch Hoffnung mit. Bei schönem Wetter sieht alles anders aus.

  • #2

    Annette (Freitag, 08 Februar 2019 15:03)

    Ob Musik genug weiche und sanfte Wärme abgibt ??? Als Begleiterscheinung sicher, aber sonst ???